Wie geplant kamen wir eine halbe Stunde vor Beginn der Technikstunde in Dortmund an. Genug Zeit, um noch einen kleinen Abstecher zum Rewe um die Ecke zu machen und etwas zu trinken zu besorgen und zu schauen, wo es ein Café gab, in dem sich meine Freunde, die als Begleitung mitkamen, niederlassen konnten bis der Kurs vorbei und ich wieder draußen war. Wir fanden eins. Und schon musste ich sie alleine lassen und mich zurück auf den Weg zum Studio machen. Meine Aufregung ließ sich kaum noch steigern und alle meine Instinkte waren auf Flucht eingestellt. Ich hatte echt Schiss! Für einen Augenblick dachte ich sogar daran, zu kneifen, einfach wieder kehrt zu machen, ins Auto zu steigen und zurück Richtung Münster zu fahren, nach Hause, so, als wäre nichts gewesen, nur um der Situation, die mir bevorstand, zu entkommen. Ich tat es nicht. Stattdessen setzte ich mich in Bewegung und konzentrierte mich darauf, mir keine weiteren Gedanken zu machen sondern einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Dann erreichte ich den Eingang und drückte auf die Klingel. Schnell, bevor ich es mir so kurz vor dem Ziel, tatsächlich doch noch anderes überlegen konnte. Der Türöffner surrte und ich drückte dir Tür auf. Eine über das ganze Gesicht strahlende Vivien empfing mich dort. "Hi. Schön, dass du da bist. Komm rein! Wir sind noch beim Stretchen aber du kannst dich schon mal umziehen." Sie gab mir die Hand. Ich folgte ihr in den Tanzraum. Puh, hier war ich also nun. Der Raum sah aus, wie ich es von Bildern her bereits kannte - groß und in gedämpftes Licht gehüllt, auf einer Seite waren Spiegel angebracht und im Eingangsbereich befand sich die Empfangstheke und daneben eine kleine Sitzecke. Auf dem Fußboden auf den Matten lagen die Teilnehmerinnen und dehnten sich. Ich zog mich im Toilettenvorraum um und nahm anschließend auf einen der Stühle in der Ecke Platz. Kurz darauf tauchte auch schon wieder Vivien auf und holte mich. Es ging los mit dem Aufwärmen, anschließend der Technikstunde, in der jeder Teilnehmer frei entscheiden konnte, an was für Figuren er feilen wollte. Ich entschied mich fürs Erste für den "Handspring". Die ganze Stunde über ging Vivien vom Teilnehmer zum Teilnehmer und leistete Hilfestellung oder gab wertvolle Tipps. Und auch dieser Kurs endete wieder mit einer guten Portion Stretching.
Und dafür hab' ich mir so ein Stress gemacht?, dachte ich erleichtert während ich erneut den Toilettenvorraum aufsuchte um mich umzuziehen. Alle meine Befürchtungen stellten sich als grundlos heraus - ich musste weder vortanzen noch hatte ich das Gefühl, nicht mithalten zu können. Die Stunde lief völlig entspannt ab. Alle waren nett. Ich war begeistert. Und deshalb musste ich auch nicht lange überlegen als mich Vivien im Nachgespräch danach fragte, ob es mir gefallen hätte und ob ich es mir vorstellen könnte, wiederzukommen. Aber natürlich, nichts lieber als das! Ich unterzeichnete voller Vorfreude den Mitgliedsvertrag und war damit ab sofort ein offizielles Mitglied des Studios.
Einen Monat später am Samstag wurde in Münster die Neueröffnung des dritten Tanzstudios gefeiert. Ich konnte leider nicht dabei sein, da ausgerechnet dieses Datum auf den Tag fiel, an dem ein Konzert in Essen stattfand, für das ich seit einigen Monaten bereits Karten hatte und am Nachmittag schon aufbrechen musste. Leider. Gern wäre ich dabei gewesen und hätte die Mädels, die ich aus Dortmund kannte, in Münster erlebt. Und zu gern hätt' ich die Chance genutzt, zu sehen, wer alles aus Münster poledanceinteressiert war. Aber drei Tage später am Dienstag würde es auch für mich losgehen, mein erster Poledance-Kurs hier in der Stadt.
Und wieder war ich aufgeregt. Doch dieses Mal war die Aufregung bei weitem nicht so, wie in Dortmund vor der Probestunde und dem ersten Kennenlernen. Es war eine positive Vorfreude, die mich schon den ganzen Tag lang begleitete. Ich war schließlich nicht mehr der Neue, kannte den Ablauf einer Tanzstunde und hatte sogar das Glück, meiner Trainerin, Kathrin, zuvor begegnet zu sein. Vielmehr war ich neugierig, wie viele, und vor allem was für Mädels da sein werden. Dies würde schließlich meine neue Tanztruppe werden.
Ich betrat das Studio und schaute mich etwas um. Optisch wirkten die Räumlichkeiten zwar etwas kleiner, als die in Dortmund, dafür gab es hier vier Meter lange Stangen, die mein Poledancer-Herz auf Anhieb höher schlagen ließen. Und auch hier gab es natürlich eine mit Spiegeln verkleidete Wand und einen Empfangstresen. Auf den Barhockern davor und auf dem Sofa daneben saßen bereits einige Mädels und musterten mich mit einer Mischung aus Neugierde und Überraschung, doch daran war ich bereits gewöhnt. Auch hier war ich nämlich das einzige männliche Wesen weit und breit (und der einzige Mann bislang in Münster, wie ich später von Vivien erfuhr). Ich nahm auf einem der freien Hocker Platz und kurze Zeit später erschien auch schon Kathrin, die sich uns vorstellte und den Ablauf einer Stunde erklärte. Nach dem Umziehen ging es auch schon los mit dem Aufwärmtraining, anschließend den ersten Schritten unserer neuen Choreographie zum Song "Welcome To Burlesque" von Cher aus dem Burlesque-Soundtrack. Ich musste schmunzeln. Dann waren auch schon die fünfzig Minuten und damit die erste Stunde wieder vorbei. Viel zu schnell. Wie immer.
Draußen kam ich mit den Mädels ins Gespräch und wir tauschten die ersten Eindrücke untereinander aus, lernten uns kennen. Sie alle waren Anfängerinnen, sehr aufgeschlossen und unheimlich gut drauf. Ich mochte sie auf Anhieb.
Im nächsten Teil meines Berichtes erfahrt ihr, was in den letzten Wochen alles so passierte. Auch ein paar Bilder wird es geben, die ich euch gerne zeigen möchte. Zum Schluss dieses Posts habe ich aber noch ein Video für euch, das im Tanzstudio VI-Dance in Dortmund gedreht wurde. Auch wenn man mich nicht sehen kann (ich vermute, um neue Kundinnen nicht gleich zu verunsichern), war ich bei der Tanzstunde, die in Bildern in der Mitte des Filmchens auftauchen, auch dabei. Hmm. Eines Tages gibt es aber sicherlich wieder einen Beitrag, in dem es speziell um Männer geht. Aus Essen gab es schon einen. Dort, und nur dort, gibt es drei andere männliche Kursteilnehmer. Vielleicht ändert sich das aber auch noch mit der Zeit. Ich persönlich hätte ganz und gar nichts dagegen.